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Smart Factory: KI in der Industrie

Seit der Einführung des Fließbandes befindet sich die indus­triel­le Ferti­gung nun im tief­greifends­ten Wandel: Unter den Begrif­fen „Industrie 4.0“ und „Smart Factory“ hat sich in den letz­ten Jah­ren eine neue Produk­tions­philoso­phie heraus­gebildet, in der physi­sche Maschinen, digi­tale Systeme und künst­liche Intelli­genz zu einem integrier­ten Ganzen ver­schmel­zen.

Was macht KI in der Fabrik?

Wenn von „KI in der Produktion“ die Rede ist, meint das kein monoli­thi­sches System, das eine Fabrik von einer zentra­len Steuer­konsole aus lei­tet. Gemeint sind viel­mehr viele spezia­li­sierte Anwen­dun­gen, die in unter­schied­li­chen Be­reichen der Wert­schöpfungs­kette einge­setzt werden: Bild­verarbei­tungs­systeme, die Produkt­fehler er­kennen; Algorith­men, die Maschinen­zustands­daten analy­sieren; Sprach­modelle, die Ingenieu­ren beim Programmie­ren von Steuerungs­anlagen helfen; und Opti­mierungs­modelle, die Liefer­ketten in Echt­zeit neu be­rechnen. Gemein­sam formen diese Einzel­systeme das, was Indus­trie unter dem Begriff „Smart Factory“ ver­steht: eine Ferti­gungs­umgebung, die sich selbst be­obachtet, lernt und - in zu­nehmen­dem Maße - auch selbst ent­schei­det.

Volkswagen formuliert diesen Anspruch klar: „Dort, wo wir Poten­zial sehen, setzen wir künst­li­che Intelli­genz ge­zielt ein. Skalier­bar, ver­antwor­tungs­voll, und mit klarem indus­triel­lem Nutzen. Unser An­spruch: KI überall, in jedem Prozess.“ Konzern­weit sind bei Volks­wagen bereits über 1.200 KI-Anwendun­gen aktiv, weitere Hunderte be­finden sich in der Ent­wick­lung.

Qualitätssicherung: Das Auge, das nie müde wird

Eines der ältesten und zugleich aufwändigs­ten Probleme der Massen­produk­tion ist die Quali­täts­kontrol­le. Mensch­liche Inspek­to­ren werden müde, über­sehen Fehler und können immer nur an einer Stelle gleich­zeitig sein. Kamera­basierte KI-Systeme hin­gegen können Hunderte von Produk­ten pro Minute analy­sie­ren, kleins­te Ab­weichun­gen er­kennen und dabei konstant zu­verläs­sig bleiben.

Die BMW Group hat zu diesem Zweck das System AIQX (Artificial Intelli­gence Quality Next) ent­wickelt. Es automa­ti­siert Quali­täts­prozesse mit­hilfe von Sensorik und KI, indem im Band­ablauf Kamera­systeme und Sensoren etabliert werden, deren aufge­zeichnete Daten in Echt­zeit über Algorith­men aus­gewertet werden. Mitarbeiterin­nen und Mit­arbei­ter am Band erhalten un­mittelbar über Smart Devices Feed­back. Das System kann zur Varianten­bestimmung, zur Über­prüfung der Vollständig­keit und zur Er­kennung von Anomalien im Verbau­prozess einge­setzt werden.

BMW geht dabei noch weiter: Im Werk Dingolfing kommt mit „Acoustic Analytics“ ein KI-Modell zum Ein­satz, das nicht nur sieht, sondern auch hört. Es führt automa­ti­siert eine audio­basier­te Quali­täts­prüfung durch - ein beson­ders interes­san­ter An­wendungs­fall, da viele Ferti­gungs­fehler sich akus­tisch offen­baren, noch bevor sie visuell sicht­bar werden.

Während viele Automobilhersteller bereits regel­basierte Anomalie-Erkennung für die Quali­täts­kontrolle ein­setzen, kann die­ser An­satz keine kleinen oder neu­arti­gen Fehler er­ken­nen, da die Regeln regel­mäßig aktuali­siert werden müssen. Qualitäts­kontroll­lösun­gen auf Basis von Deep Learning und maschi­neller Bild­verarbei­tung können dagegen über die einfache Er­kennung von Anomali­en hinaus­gehen und mehre­re Arten von Fehlern gleich­zeitig identifi­zieren.

Vorausschauende Wartung: Die Fabrik als Patient

Maschinenstillstände sind teuer. Ungeplante Aus­fälle in der Produk­tion kosten nicht nur Repara­tur­zeit, sondern reißen ganze Produk­tions­ketten aus dem Takt. Das Kon­zept der „Predic­tive Maintenance“ - also voraus­schauen­den War­tung - nutzt KI, um drohende Aus­fälle zu er­kennen, bevor sie ein­treten.

Festo, das Automatisierungs­unterneh­men aus Esslin­gen, hat dafür die Software­lösung „Festo AX“ ent­wickelt. Im Kern ist das Prinzip immer gleich: Maschinen­daten werden kontinu­ier­lich über­wacht und gegen ein KI-Modell geprüft, das den Normal­zustand einer Komponen­te be­schreibt. Die KI-Algorith­men er­kennen dann Ab­weichun­gen und können diese voraus­sagen. In einem konkreten An­wendungs­fall bei einem deut­schen Auto­mobil­hersteller im Karosserie­bau - mit servo­pneuma­ti­schen Schweißzangen - konnte Festo durch voraus­schauende War­tung bereits rund ein Viertel der Stör­zeiten ver­meiden, indem Repara­tu­ren in produktions­freie Zeiten ver­lagert wurden.

Festo gibt konkrete Zahlen an: Predictive Main­tenan­ce kann Aus­fall­zeiten um bis zu 25% ver­ringern, Predic­tive Quali­ty kann Aus­schuss um bis zu 20% senken, und durch die Über­wachung von Druck­luft­leckagen lassen sich Energie­verluste um bis zu 65% redu­zieren.

Auch Schaeffler, der Wälzlager-Hersteller, hat ein eige­nes Öko­system für voraus­schauen­de War­tung ent­wickelt. Das „Optime“-System nutzt kabel­lose Sensoren zur Zustands­überwachung und er­möglicht daten­basierte Wartungs­planung. Schaeffler hat dieses Portfolio zu­letzt um elek­tri­sche Zu­stands­überwachung er­weitert - relevant für die zu­neh­mend elektri­fi­zier­te Ferti­gung und Antriebs­technik.

Bosch setzt in seinen eigenen Werken auf einen noch weiter­gehen­den An­satz: Multi-Agenten-Systeme über­wachen Geräte in der Ferti­gung, sagen Wartungs­bedarfe voraus und opti­mie­ren gleich­zeitig die Personal­planung. Das Ergeb­nis ist eine Reduzie­rung unge­plan­ter Still­stände und eine insge­samt höhere Produkti­vität. Bosch plant, diese Tech­nolo­gie ab Herbst 2025 auch ande­ren Unter­neh­men als Platt­form zugäng­lich zu machen.

Generative KI und der „Industrial Copilot“

Neben den eher datenanaly­ti­schen An­wendun­gen hat eine neue Genera­tion von KI-Werk­zeugen Einzug in die Ferti­gung ge­hal­ten: genera­tive KI, also Systeme, die nicht nur analy­sieren, sondern auch er­zeugen - Code, Pläne, Lösungs­vorschlä­ge, Antwor­ten auf komplexe Fragen.

Siemens hat auf der Hannover Messe 2024 mit dem „Siemens Indus­trial Co­pilot“ ein Werk­zeug vor­ge­stellt, das genau diese Fähig­keit in die Fabrik­halle bringen soll. Der Indus­trial Copilot ist naht­los mit dem TIA Portal ver­bunden, dem zentra­len Program­mier­werkzeug für Siemens-Automati­sierungs­lösun­gen. Automati­sierungs­ingenieu­re können so schnel­ler Antwor­ten auf ihre Fragen finden, eine grund­legende Visuali­sie­rung generie­ren und schneller Code für speicher­programmier­bare Steue­run­gen ent­wickeln. Routine­aufgaben, die früher Stunden in An­spruch nahmen, werden auf Minuten redu­ziert.

Seit der Produktverfügbar­keit im Juli 2024 nutzen Kunden den Indus­trial Co­pilot, um Effizienz­gewinne zu er­zielen. Ingenieure können nun Panel-Visualisie­run­gen in 30 Sekun­den er­stel­len und Code gene­rie­ren, der nur noch 20% manuelle Anpas­sung er­fordert.

Ein besonders konkretes Beispiel für die Praxis­anwendung liefert thyssen­krupp Automa­tion Enginee­ring. Thyssen­krupp hat den Indus­trial Co­pilot inte­griert, um die Effi­zienz von Maschinen für die Quali­täts­prüfung von Elektro­fahrzeug-Batterien zu stei­gern. Der KI-Assis­tent gene­riert struktu­rier­ten Steuerungs­code für speicher­programmier­bare Steue­run­gen und er­stellt Maschinen­visualisie­run­gen automa­tisch.

Dass der Ansatz in der Industrie auf breite Resonanz stößt, unter­streicht eine schlichte Zahl: Bereits über 100 Unter­neh­men, darunter Schaeffler und thyssen­krupp Automa­tion Enginee­ring, nutzen den Siemens Indus­trial Co­pilot, um Pro­zesse zu opti­mieren, den Fach­kräfte­mangel zu adressie­ren und Innova­tio­nen voran­zutrei­ben. Der Hermes Award 2025 der Hannover Messe - die wichtigs­te Aus­zeich­nung der Industrie­messe - ging folge­richtig an genau dieses Produkt.

Siemens nennt als weiteres Beispiel aus dem eigenen Haus: In der Siemens Electro­nics Factory in Erlangen wurde der Copilot an Löt­maschinen ein­gesetzt. Er unter­stützt Bedie­ner dabei, Maschinen­fehler­codes in natür­liche Sprache zu über­setzen und Lösungs­vorschläge auf Basis der Betriebs­geschich­te und tech­ni­scher Dokumen­ta­tion zu unter­breiten.

Das Fahrzeug als Produktionsteilnehmer

BMW hat mit dem System „Car2X“ einen bemerkens­wert anderen Ansatz ver­folgt: Nicht die Maschine be­obach­tet das Produkt, sondern das Produkt be­obach­tet sich selbst und kommu­ni­ziert mit der Fabrik. Car2X ermög­licht während des Produk­tions­ablaufs eine Echtzeit­kommunika­tion zwi­schen dem im Bau befind­li­chen Fahr­zeug und dem BMW Produk­tions­system. Jeder BMW in der Produk­tions­linie wird zu einem akti­ven und ver­netzten Teil­nehmer des indus­triel­len IoT-Öko­systems, das Selbst­analyse voll­zieht, in Echt­zeit mit Mit­arbeiten­den inter­agiert und relevan­te Meldun­gen automa­tisch teilt sowie dokumen­tiert.

Das Fahrzeug weiß also während seiner eigenen Herstel­lung, in welchem Zustand es sich be­findet, und meldet Fehler pro­aktiv - ein Paradig­men­wechsel gegen­über der klassi­schen Quali­täts­prüfung am Ende des Produk­tions­prozesses.

Digitale Zwillinge: Die Fabrik im Computer

Ein weiteres Kernelement der KI-gestützten Produk­tion sind so­genann­te „digitale Zwil­lin­ge“ - virtuel­le Ab­bilder realer Produk­tions­anlagen, Maschinen oder Pro­zesse. Sie er­lauben es, Ände­run­gen und Optimie­run­gen zunächst am digita­len Modell zu simu­lie­ren und zu testen, bevor sie in der realen Fabrik um­ge­setzt werden.

Siemens nutzt digitale Zwillinge nicht als bloße CAD-Darstellun­gen, sondern kann damit simulie­ren, wie Bau­teile reagie­ren, wenn sie Stößen aus­gesetzt sind. Der Indus­trial Copilot kann dabei in der CAD-Software Bauteile opti­mieren, indem er KI-gestützt Material ent­fernt, ohne die Stabi­li­tät zu be­einträchti­gen.

Volkswagen und Audi haben im Rahmen der „Edge Cloud 4 Production“ (EC4P) digitale Infra­struk­turen ein­geführt, die einen naht­losen Daten­austausch zwi­schen virtuel­len Modellen und realen Produk­tions­systemen er­möglichen.

Lieferkette und Produktionsplanung

KI entfaltet ihre Wirkung nicht nur auf dem Shop­floor selbst, sondern ent­lang der gesam­ten Liefer­kette. Genera­tive KI ermöglicht es Auto­mobil­herstel­lern, sämt­liche Pro­zesse vom Design über die Absatz­prognose bis hin zur Ferti­gung und Produk­tion zu opti­mieren und gleich­zeitig das Kunden­erleb­nis stärker zu persona­li­sie­ren.

Algorithmen analysieren globale Nachfrage­muster, Lager­bestände, Transport­wege und Liefer­zuverläs­sig­kei­ten, um Produk­tions­pläne in Echt­zeit an­zupas­sen. Gerade die Erfah­run­gen der COVID-19-Pandemie und der nach­folgen­den Liefer­ketten­krisen haben den Druck auf die Her­stel­ler er­höht, resilien­ter und flexi­bler zu werden - ein Problem, das sich durch KI-gestütz­te Planung und Früh­warn­systeme wirk­sam adressie­ren lässt.

Fachkräftemangel als Treiber der KI-Adoption

Ein Faktor, der in der öffentli­chen Debatte oft unter­schätzt wird: KI in der Ferti­gung wird nicht nur durch Effi­zienz­streben ange­trie­ben, sondern auch durch den grassie­renden Fach­kräfte­mangel. Der Leiter der Digital Factory Solutions bei thyssen­krupp Automa­tion Enginee­ring brachte es auf den Punkt: „Wir kämpfen mit einem Fach­kräfte­mangel, nicht nur in Deutsch­land, sondern in ganz Europa und den USA. Wir wollen auch weniger er­fahre­ne Ingenieu­re be­fähi­gen, Programm­code in kurzer Zeit zu schrei­ben.“

Der Siemens-CTO beschrieb das Kern­problem: Die Er­fah­rung der Fach­arbeiter sinke mit kürze­rer Betriebs­zugehörig­keit, was Pro­dukti­vität senke und die Unfallg­efahr erhöhe. Der Indus­trial Co­pilot soll Mit­arbeiter be­fähigen, sinn­volle Ent­scheidun­gen zu treffen, auch wenn lang­jähri­ge Erfah­rung mit den An­lagen fehlt.

KI wirkt in diesem Sinne als Wissens­transfer-Werkzeug: Das implizite Er­fahrungs­wissen lang­jähri­ger Fach­kräfte wird digita­li­siert und über intelli­gente Systeme zugäng­lich gemacht - für neue Mit­arbei­ter, für andere Stand­orte, für ver­änderte Anforde­rungen.

Wie weit ist die Branche wirklich?

Bei aller Begeisterung lohnt ein nüchter­ner Blick auf den tatsäch­li­chen Reife­grad. Selbst die Vorzeige­standorte der Auto­mobil­branche stehen erst am Über­gang von Lean-Konzepten hin zur digita­len Fabrik. Bis zu einer autono­men Ferti­gung unter Einsatz von KI und humanoi­der Roboter sei es noch ein weiter Weg.

Die Automobil-Industrie, bislang bekannt für kontinu­ier­liche Ver­besse­rungs­prozesse bei Produk­tions- und Material­kosten, hat den Mechanis­mus der kontinu­ier­li­chen Wert­steige­rung durch KI noch nicht ge­funden.

Das bedeutet: Die Technologie ist vor­han­den, die Pilot­projekte sind viel­verspre­chend - die systema­tische Skalie­rung über einzel­ne Leucht­turm­projekte hinaus auf die Breite des ge­sam­ten Produk­tions­systems ist jedoch für die meisten Unter­neh­men noch un­gelöst. Es fehlt oft nicht am tech­ni­schen Willen, sondern an Daten­strate­gie, Integra­tions­aufwand und der organi­sato­ri­schen Trans­forma­tion, die mit dem Ein­satz von KI ein­her­gehen muss.

Die eigentliche Herausforde­rung liegt weniger in der Tech­nolo­gie selbst als in ihrer durch­gängi­gen Integra­tion: eine Fabrik, in der alle Systeme mit­ein­ander kom­muni­zieren, in der KI nicht isolierte Insel­lösun­gen bildet, sondern den ge­samten Produk­tions­prozess - von der Design­phase bis zur Aus­liefe­rung - intelli­gent ver­bindet. Branchen-Experten schät­zen, dass ein Tech­nolo­gie-getriebe­ner Umbau der Ferti­gung die Effi­zienz bis 2030 um mehr als 30% stei­gern könn­te. Die „denken­de Fabrik“ ist kein Fern­ziel mehr - sie nimmt gerade, Werk­zeug für Werk­zeug, Gestalt an.

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